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Egon Hostovsky - Drei Nächte

Eine tragischkomische Komödie


Studenten werden von ihren Professoren gerne dazu angehalten beim Thema zu bleiben. Ihre Referate sollen sich entweder mit Literatur oder mit der politischen Geschichte beschäftigen. Beides zusammen geht nicht. In diesem Sinne mag es manchen Leser verwundern, wenn es mir schwer fällt, das Thema oder besser das Genre des vorliegenden Romans von Egon Hostovský näher zu bestimmen. Hat er nun eine Komödie, eine Tragödie oder eine Liebesgeschichte geschrieben? Das müsste ich doch als Übersetzer eigentlich wissen. Und ich muss zugeben, wenn man von der studentischen Erfahrung ausgeht, macht diese Verwunderung Sinn. Allerdings haben Studenten auch nur ein sehr begrenztes Blickfeld. Sie beschäftigen sich schließlich Tag ein Tag aus lediglich mit kleinen Teilgebieten eines etwas größeren Teilgebiets, das wiederum hoffentlich doch zu einem großen Ganzen gehört. Da muss und kann man sich schon für ein Thema entscheiden.

Ganz anders sieht das bei Hostovský aus. Wie viele guten Schriftsteller beschränkt er seinen Blick nicht nur auf einen Aspekt des Lebens, sondern er macht die ganze Fülle des Seins zu seinem künstlerischen Objekt. Wenn aber das Leben das Thema ist, wird man es kaum auf ein Genre festlegen können. Das Leben ist immer alles. Es ist urkomisch, es ist traurig, es ist eine Liebesgeschichte und und und. In dem Roman „Drei Nächte“ stößt der Leser dann auch wieder auf viele verschiedene Genres. Dass er dabei trotzdem nie das Gefühl bekommt, es gäbe keine klare Linie, liegt einerseits an den herausragenden schriftstellerischen Qualitäten des Tschechischen Autors, andererseits ist es eben wiederum mit dem Thema verbunden. Das Leben behält immer seine Linie bei, selbst dann, wenn es uns Sterbliche schwindlig macht.

Da uns Hostovský nun also die ganze Bandbreite des Lebens präsentiert, kann man seine Liebesgeschichte – und als das möchte ich den Roman dann vielleicht doch bezeichnen - in diese oder jene Richtung interpretieren. Da macht man nichts falsch. Wichtig ist nur, dass man sich auf den unglaublichen Reichtum menschlicher Erfahrungen einlässt. Leben und Lieben findet nämlich nicht im luftleeren Raum statt. Die Persönlichkeiten der Akteure werden durch ihre Erziehung ebenso geprägt wie durch die Geschichte, die letztlich doch weitaus mehr ist als bloße Kulisse. Vera und ihr Mann Paul müssen dementsprechend nicht nur miteinander ringen, der Krieg, seine Nachgeschichte, die amerikanische Gesellschaft und selbst die Protagonisten des Kalten Krieges, Chruschtschow und Eisenhower, sind bei ihren Küssen oder ihren Streitereien ebenfalls präsent. Insofern machen wir manchmal eine faszinierende Reise durch die seelischen Abgründe einer Ehe und manchmal stehen wir staunend vor den Tragödien der 20. Jahrhunderts. Mal neigen wir zu einer psychologischen Ausdeutung des Gelesenen, mal wird uns die politische und humanistische Sprengkraft des Gesagten bewusst. Ist man bereit, sich auf das Spiel dieser Möglichkeiten einzulassen, wird man von Hostovský reich, ich würde fast sagen überreich, beschenkt.

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