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Kurt Oesterle – Martha und ihre Söhne

Die Geschichte einer janusköpfigen Generation


Betrachte ich meine persönliche Bibliothek, kommt sie mir manchmal ein wenig zweigeteilt vor. In der deutschen Literatur finden sich auf der einen Seite viele Bücher über den Schrecken des Hitlerregimes und dann auf der anderen Seite wiederum Werke, die sich der Unfähigkeit zur Trauer und dem Verschweigen der Schuld widmen. In ihnen scheint die unmittelbare Nachkriegszeit nur ein Vorspiel für die Ereignisse der späten sechziger Jahre zu sein. Romane aber, die sich ganz unmittelbar mit der Jugend um 45 auseinandersetzen, fehlen (Borchert kann ich hier kaum als Gegenbeispiel anführen, da seine Figuren bereits voll und ganz Soldaten und damit Teil der Erwachsenenwelt waren). Gerade diese Generation war bzw. ist aber interessant. Auf der einen Seite war sie gegen Ende des Krieges alt genug, um das Schändliche ihres Tun zu begreifen, aber auf der anderen Seite war sie zu Beginn des Naziterrors noch klein und somit dem Gift der damaligen Propaganda schutzlos ausgeliefert. Die seelischen Abwehrkräfte waren noch nicht ausgebildet. Wegen dieses sonderbaren Zusammenspiels von Schuld und Unschuld möchte ich hier von einer janusköpfigen Generation reden. Indem sich Kurt Oesterle in seinem Roman „Martha und ihre Söhne“ mit dieser Altersgruppe auseinandersetzt, füllt er eine wichtige Lücke in meinem Bücherregal.

Die gerade zwanzigjährige Martha hat mit dem Krieg alles verloren. Ein Bruder gilt als vermisst, die Mutter ist wahnsinnig geworden und ihre Tante ergeht sich in einer unangenehmen, furchtmachenden Religiosität. Noch schlimmer wiegt allerdings der Verlust der geistigen Heimat. Das, was gestern noch ein Ideal war, gilt heute nichts mehr. Panisch lebt sie in einer Angst vor einer Bestrafung, die sie nur als ungerecht empfinden kann, da doch ein Herrenvolk tun musste, was ein Herrenvolk eben tun muss. Und so kann sie sich denn auch nicht mit den Siegern und dem Neuen, was sie mit sich bringen, anfreunden. Die Sieger benehmen sich nicht wie stolze Sieger und beweisen dadurch doch nur, wie unnatürlich ihr Sieg war. Ihre Demokratie wirkt fremd und falsch, da sie letztlich das deutsche Volk zu einem Volk wie jedes andere auch macht. Wo bleibt da die von oben eingebläute Identität? Das Vergangene ist also für Martha tot, aber das Neue ist ob seiner Neuheit ebenfalls noch nicht lebendig. Martha ist eine zwischen den Zeiten gefangene Nichtseiende. Zwar sucht sie wie andere auch nach Wärme und Geborgenheit, aber da sie im Hier und Jetzt nicht ankommt und vielleicht auch gar nicht ankommen kann, bleibt sie zunächst in und für die Gegenwart verloren.

Nun kann aber nur Leben Sinn schenken. Nur ein lebendiger Gott kann Gott sein, alles andere ist eben nur ein Stück Holz oder ein Stein, den man ehrfurchtsvoll umkreist. Und so kann Martha dann lediglich äußerlich eine Familie gründen. Ihr Mann, den sie sich als Beschützer in der schwierigen Zeit erwählt, arbeitet in der Stadt und ist kaum zuhause. Ihren Söhnen wird sie kaum Mutter sein. Da in ihr nichts mehr ist bzw. selbst als Erinnerung nichts mehr sein darf, was sie weitergeben könnte, müssen sich die Beiden quasi selbst erziehen. Bis zu ihrem zwölften Lebensjahr verfolgt Oesterle ihren eigentümlich Weg, wobei der Leser dann auch erfährt, ob sie und ihre Mutter zu einer wirklichen Gemeinschaft finden können.

Dieser unglaublich tiefe Einblick in das Denken und Fühlen jener Menschen, die nur ein wenig Älter als die Flakhelfer waren, regt zum Nachdenken an. Aus den kleinen Tätern werden zumindest teilweise Opfer der Geschichte. Dass der Roman auf dem Land spielt, mögen manche Kritiker unterdessen ablehnen oder für symbolisch halten. Ist doch das klassische Dorf ähnlich wie jene Generation aus unserem Denken längst verschwunden. Ich hingegen halte das Dorf für die einzig mögliche Kulisse dieses Dramas. Da in der Stadt die Sorge um das tägliche Brot das Nachdenken über und die Erinnerung an die Vergangenheit viel stärker verdrängte, wurden dort die seelischen Prozesse im Trubel der Zeit solange zur Seite geschoben, bis eine neue Generation kam, die sich dann durch wütende Anklagen des eigenen Seins zu versichern glaubte. Doch das ist schon eine andere Geschichte. Wie dem auch sei.

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© Joachim Mols


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