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Man nimmt die jeweiligen Szenestars noch wahr, aber man kennt sie nicht wirklich.

Martin von Arndt über die literarischen Beziehungen von Ost und West


Der Schriftsteller und Musiker Martin von Arndt stammt aus einer ungarischen Familie. Er promovierte in Religions- und Literaturwissenschaften. Er ist stellvertretender Vorsitzende des Verbands deutscher Schriftsteller in Baden-Württemberg sowie PEN-Mitglied. Er hat zahlreiche Sachbücher, Romane und Theaterstücke veröffentlicht. Zuletzt erschien sein Roman „Tage der Nemesis“, der den Völkermord an den Armeniern thematisiert. Anlässlich seines hochgelobten Romans Oktoberplatz , der sich mit Weißrussland auseinandersetzt, sprach Joachim Mols mit ihm über die literarischen Beziehungen von Ost und West. Mehr über Martin von Arndt erfährt man unter www.vonarndt.de. Seine Bücher sind bei Amazon erhältlich.

Herr von Arndt, in Ihrem Roman „Oktoberplatz“ beschäftigen Sie sich mit Osteuropa bzw. Weißrussland. Woher stammt Ihr Interesse?

Möglicherweise spielt hier meine Sozialisation eine erhebliche Rolle, ich habe mich – spätestens seit Wendezeiten – eher für Geschichten „aus dem Osten“ interessiert; vielleicht weil die Menschen dort mit einem komplett neuen Paradigma zu leben lernen und damit auf die eine oder andere Weise klarkommen mussten, während das Leben hier irgendwie eingetütet, von Kohl programmiert und gebahnt schien. Vielleicht hat das meinem persönlichen Lebensgefühl als Kind ungarischer Eltern eher entsprochen; auch wenn ich selbst dieses An- und Zurechtkommen im Fremden nie erleben musste, ist es doch so, dass ein Migrantenkind auch noch in zweiter Generation durch seine Sozialisation Migrantenkind bleibt und sich häufig mit sehr spezifischen psychischen Identitätsproblemen herumschlägt.

Das war das eine. Dann kam einfach noch hinzu, dass meine Lebensgefährtin, die in Minsk studiert hat, für ihre Promotion wieder nach Belarus musste und mich aufgefordert hat, sie zu begleiten. Ich gestehe, dass eine autoritäre Regierung wie die von Aljaksandr Lukaschenka auf mich aus der Ferne ein derartiges Faszinationsgrauen ausgeübt hat, dass ich natürlich mitgegangen bin. Man lernt dann schnell die Banalität von Autokratien und Autokraten kennen, was auch gut ist, um das ganze künstlerisch sinnvoll verarbeiten zu können.

Und Ihnen hat kein Verleger den väterlichen Rat gegeben, Ihre Geschichte lieber in Paris, New York oder vielleicht auch Rio spielen zu lassen als ausgerechnet in Hrodna/Grodno?

Ach, mein Verleger Hubert Klöpfer ist ein Literaturbesessener (im besten Sinn des Wortes), er würde nie so einen Rat geben, weil er weiß, dass das bei mir eher nach hinten losgeht. Mir gehen diese ausgelutschten Sehnsuchtsorte der Literatur schwer auf den Zeiger, und wenn man die Augen öffnet, stellt man rasch fest, dass auch Minsk und Hrodna Sehnsuchtsorte sein können.

Und wie sahen oder sehen das Ihre Kollegen in der schreibenden Zunft?

Eigentlich sehr positiv, es ist sicher kein Zufall, dass ich seit dem Erscheinen von „Oktoberplatz“ nicht nur zu traditionellen Lesungen eingeladen werde, sondern auch zahlreiche Vorträge zum sozialen, politischen und ökonomischen System in Belarus halten durfte, oft auf Einladung von Kolleginnen und Kollegen. Da spielt natürlich die Hoffnung hinein, endlich einmal zu verstehen, was die Menschen in Belarus immer wieder antreibt, Lukaschenka zu wählen.

Kommen wir zu den intellektuellen Beziehungen zwischen Ost und West. Im 19. und frühen 20. Jahrhundert wurden osteuropäische Autoren im Westen stark rezipiert. Man denke nur an Dostojewski oder Karel Čapek. Westliche Autoren waren im Osten wiederum bekannt. Wie sieht der heutige Ost-West Kontakt der Literaten aus? Kennt man im Westen die östlichen Stars und kennt man im Osten mehr als nur den unvermeidlichen Goethe?

Meines Erachtens gibt es seit den Wendejahren drei Phasen: In den 90er Jahren sind die Beziehungen nicht auf Augenhöhe, damals galt ja das Motto: „Vom Westen lernen heißt siegen (Geld scheffeln) lernen“, es gab eine große Nachfrage nach westlichen Autoren im Osten, umgekehrt haben wir hier – mit Ausnahme weniger Verlage – eine ungeheure Arroganz gegenüber der inhaltlichen und stilistischen Fülle der osteuropäischen Literatur an den Tag gelegt.

Ab den späten 90er Jahren hat sich das geändert, was sicher dem neuen geopolitischen Interesse an Russland und anderen Nachfolgestaaten der UdSSR geschuldet war, so dass auch Stars der Ostliteratur erstmals hier im Westen reüssieren konnten. Allerdings hat sich das auf einige wenige, markttaugliche Autoren konzentriert.

Seit dem Jahr 2005 beobachte ich leider insgesamt einen Rückgang der Beziehungen, was (nicht nur, aber auch) der Tatsache geschuldet ist, dass Austauschprogramme erst finanziell gekürzt, dann ganz abgewürgt worden sind. Ich war zu Beginn der 2000er Jahre noch jährlich zu Autorenbegegnungen in Ungarn, Tschechien oder Polen, aber die Fördermittel hierfür sind weitgehend kassiert worden, so dass man jetzt auf diesen sehr produktiven Austausch verzichtet. Dazu kamen die politischen Veränderungen in vielen Ländern: Unter den Kaczyński-Brüdern hat Polen Abstand genommen von Deutschland, in Ungarn erleben wir dieselbe Entwicklung potenziert unter Orbán, Russland fühlt sich stark auf einem eigenen, dritten Weg, etc. Es fehlen Übersetzer und eine faire Übersetzungsförderung, und zwar auf beiden Seiten, so dass ich dazu tendieren würde zu sagen: man nimmt die jeweiligen Szenestars noch wahr, aber man kennt sie nicht wirklich. Ich bin einmal in Belarus zur zeitgenössischen deutschen Literatur interviewt worden, die Einstiegsfrage zielte auf Bertolt Brecht. Das sagt alles.

Man kann ja zum Kommunismus stehen wie man will, aber das Phänomen lässt sich auch folgendermaßen beschreiben: Der Westeuropäer Marx wird in Russland mit Begeisterung rezipiert und wenige Jahrzehnte später wandert diese Rezeption als Leninismus und auch Stalinismus wieder in den Westen und wird dort wiederum teilweise mit großem Interesse begrüßt. Die Beeinflussung war also wechselseitig. Gibt es diese Form der wechselseitigen Beeinflussung von Ost und West nach der Wende wieder oder sind die Gesprächsfäden immer noch zu dünn bzw. die jeweiligen Themen zu entfernt von der eigenen Lebenswelt?

In den 2000er Jahren, mit einer engagierten jungen Autorengeneration auf beiden Seiten, habe ich erlebt, dass die Lebenswelten sich immer mehr angenähert haben; insbesondere Berlin spielte eine wichtige Rolle durch die (gefühlte) Nähe zu Polen und den vielen in Berlin lebenden polnischen Künstlern. In dieser Zeit sind zahlreiche deutsch-polnische Lesebücher entstanden, man war miteinander im Übersetzergespräch, und dann ziemlich schnell auch auf einer kunstpolitischen und persönlichen Ebene.

Aber da Berlin chronisch klamm ist und solche Austauschprogramme immer davon abhängen, nicht unterfinanziert zu sein, war das leider eine relativ kurze Phase.

Ich merke das bei mir selbst: meine Einflussquellen stammen aus der französischen, englischen, US-amerikanischen und deutschsprachigen Literatur. Ich lese im Jahr vielleicht zehn Bücher aus Osteuropa, aber das sind dann eben die AutorInnen, die wirklich oder vermeintlich hier am Markt reüssieren werden und die mich häufig enttäuschen. Die eigentlich spannende Literatur, insbesondere aus Russland, wird erst gar nicht übersetzt; stattdessen werden wir mit mäßigen bis saumäßigen russischen Historienkrimis überschwemmt, die im besten Fall spur- und einflusslos an einem vorübergehen. Das Hintergrundrauschen des Marktes.

Nun hatten ja Puschkin und Konsorten den großen Vorteil, dass alle Welt französisch sprach. Gibt es heutzutage eine gemeinsame Lingua Franca oder machen sich Sprachbarrieren heute stärker bemerkbar, wenn es um den wechselseitigen Austausch mit den Osteuropäern geht?

Jain. In vielen Ländern funktioniert Englisch ganz gut als Lingua Franca, insbesondere bei den jüngeren Intellektuellen. Die Kombination von Englisch und Russisch lässt eigentlich überall einen Austausch zu. Ich war vor drei Jahren auf einem Literaturfestival in Brno, wo die Veranstalter tatsächlich überhaupt kein Englisch konnten. Dann haben wir entdeckt, dass wir alle irgendwie Russisch sprachen, zwar unterirdisch schlecht, aber mit Geduld und Spucke ausreichend, um lange Abende durchzusprechen. In Belarus geht nichts ohne Russisch, die Gelegenheiten, bei denen ich mit Weißrussen Englisch sprechen konnte, beschränkten sich auf McDonald's.

Trotzdem wage ich die These: Wenn man möchte, kann man sich auch austauschen. Irgendjemand in einer Runde spricht immer die eine oder andere Sprache. Hemmnisse für einen Kulturaustausch sind anfangs immer finanzieller, später dann eher ideologischer Natur.

Die Zeiten von Puschkin, Mickiewicz und Lord Byron waren durch einen gemeinsamen Stil geprägt. Zwar kam die Romantik vielleicht etwas später in den Osten, aber dennoch gab es in Ost und West gemeinsame literarische Epochen. Gibt es dieses Phänomen heute noch oder lebt der Deutsche quasi in der Postmoderne und der Weißrusse – entschuldigen Sie das Schlagwort - noch im sozialistischen Realismus?

Ich denke, dass sich unsere Zeit dadurch auszeichnet, dass es kein wie auch immer übergeordnetes zeitkünstlerisches Phänomen gibt. Wobei ich davon ausgehe, dass wir seit den 2000er Jahren eine Art Postpostmoderne erleben, die sich durch die Anpassung der E-Literatur an den Markt, durch „Biographisierung“ (die Autorenbio wird wichtiger als der Text selbst) und durch die Banalisierung des Neorealismus auszeichnet (falls sie sich überhaupt „auszeichnet“, das wird die Literaturgeschichte vermutlich nicht vor dem Jahr 2040 erschöpfend analysiert haben).

Die belarussische Literatur, insbesondere der jüngeren Jahrgänge, ist viel stärker der Postmoderne verpflichtet als die deutschsprachige. Von sozialistischem Realismus finde ich da nur noch Spurenelemente; und das auch nur insofern, als die Autorinnen und Autoren das Festhalten an der Idee des Sowjetmenschen kritisieren, der sozialistische Realismus also zum Feindbild mutiert. Im täglichen Leben ist das natürlich etwas ganz anderes, aber die Kunst, insbesondere die Literatur, hat in Belarus noch immer Avantgarde-Funktion und füllt diese auch aus.

Und sie kann sich – natürlich! – mit allen anderen Literaturen dieser Welt messen, auch wenn es tatsächlich immer noch Vertreterinnen gibt, die in guter alter Kolonialdiktion behaupten, man könne als Belarussin nur auf Russisch schreiben, weil die weißrussische Sprache nicht zur Literarisierung tauge. Blödsinn!

Kommen wir nochmals auf Weißrussland zurück. Für Ihren Roman haben Sie dort sehr lange recherchiert. Nun werden sicherlich einige Intellektuelle, mit denen Sie gesprochen haben, noch in der Sowjetzeit erzogen worden sein (Puschkin, Bulgakow oder eben für Dissidenten auch Pasternak gehörten folglich zum täglichen Brot), hatten Sie dennoch das Gefühl mit weißrussischen Intellektuellen zu reden oder überwog doch bei aller Aufgeschlossenheit gegenüber den Bedürfnissen oder Bestrebungen der eigenen Bevölkerung das Sowjetisch - Postsowjetische?

Ich hatte den Eindruck, dass die russische Propaganda, die das Weißrussische zu einer niedersprachlichen Variante des Russischen deklariert hat, sehr fruchtbar gewesen ist, insbesondere bei der älteren Generation, also den vor 1970 Geborenen. Meine Frage, welche Schriftsteller aus Weißrußland man denn unbedingt einmal lesen sollte, wurde beantwortet mit: Puschkin, Dostojewskij, Tolstoj, etc. Das beschreibt sicher einen relativ typischen postsowjetischen Komplex: Man fühlt sich stark im Verbund mit dem „großen Bruder“ Russland, mummelt in einer etwas dumpf anmutenden Symbiose, für die ich in meinem Roman das Inzestmotiv gebraucht habe. Man hat sich zwar irgendwie mit der staatlichen Unabhängigkeit – ja, „abgefunden“, das muss man wirklich so sagen, aber so richtig „gilt“ das nicht. Vielleicht feiert Lukaschenka auch deshalb seine Erfolge: Er spricht Trasjanka, diese Mischsprache aus Russisch und Weißrussisch, und laviert permanent irgendwo zwischen dem Wiederanschluss an Russland und einer mehr als vage bleibenden weißrussischen Identität, an die die meisten Weißrussen eben auch nicht so richtig glauben. Und damit ist er ganz und gar „einer von ihnen“.

Viele der Jüngeren, insbesondere in der Hauptstadt, wollen das so nicht mehr hinnehmen; bei ihnen habe ich insgesamt wenig Postsowjetisches gefunden. Aber zum einen sind sie machtlos, weil die Weißrussen ähnlich wie die Deutschen (und ungleich den Ukrainern, wie man sieht) offenbar nicht zum Aufbegehren neigen; zum anderen haben sie noch kein sinnvolles kulturelles Identitätskonzept gefunden. Alle Versuche, über die weißrussische Sprache dahin zu gelangen, sind gescheitert. Das Identitätskonzept der Sprache treibt in Weißrussland merkwürdige Blüten, auch das ist ein Grund, weshalb das nation building ziemlich missraten ist. Es ist eine perverse Situation: Weißrussisch wird vor allem auf dem Land gesprochen, also genau dort, wo man bedenkenlos Lukaschenka wählt, der wiederum die Russifizierung vorantreibt. Die Großstädte, in denen die Opposition am stärksten ist, sind dagegen russischsprachig. Dort versucht man immer wieder, das Weißrussische gleichsam als Sprache der Opposition zu etablieren, aber der Schuss geht nach hinten los. Ein weißrussischer Autor hat mir erzählt, dass es schon genüge, sich in einem Bus auf Weißrussisch zu unterhalten, um von Regierungsanhängern als „Faschist“ angegiftet zu werden.

Sehen Sie in diesem Punkt Unterschiede zur ungarischen oder tschechischen Szene, die sich als Teil der Visegrád-Gruppe intensiver und schneller auf den Weg nach Europa machen konnten und sich insofern vielleicht auch leichter Ihrer eigenen Identität als Ungarn bzw. Tschechen versichern konnten?

Bestimmt. Die nationalen Neuausrichtungen der ehemaligen Sowjetrepubliken schwanken ja erheblich, man sieht es derzeit besonders in der Ukraine. Im Hintergrund steht immer die steinalte Frage, ob man sich eher „östlich“ oder „westlich“ definieren sollte, eine Frage, die durch den Kommunismus 70 Jahre lang in einen Dornröschenschlaf versetzt wurde und jetzt wieder gewalttätig auflebt.

Für Ungarn kann ich sagen, dass immer ein unbändiger Wille da war, endlich wieder ein Teil von Mitteleuropa zu werden. Oder wie eine ungarische Autorin mir sagte: Wir waren lange genug Russland, Sibirien und die Mongolei, jetzt wollen wir endlich wieder Wien, Berlin, Paris sein. Die Anbindung an eine europäische Idee, wie sie von der EU-Meinungshoheit vorgegeben wird, ist lange Zeit gar nicht hinterfragt worden. Als Ungarn in die EU aufgenommen wurde, war ich im südungarischen Pécs und habe den Tag (und vor allem die Nacht!) als Volksfest erlebt, bei dem buchstäblich alles und jeder auf den Straßen war. Das hat sich binnen kürzester Zeit ins Gegenteil verkehrt, ökonomische Austeritätsprinzipien und, ja, eine Grundarroganz des Westens gegenüber den EU-Osterweiterungsländern haben ganze Arbeit geleistet. Ungarn ist auf dem Sprung in eine faschistoide Autokratie, und ich wundere mich, ehrlich gesagt nur, dass man sich im Westen darüber wundert. Meines Erachtens liegt schon im Kern des Satzes dieser ungarischen Autorin das Problem: Jetzt wollen wir endlich wieder Wien, Berlin, Paris sein. Was aber, wenn wir uns Wien, Berlin, Paris gar nicht leisten können? Oder nur dadurch, dass 2/3 der Ungarn ökonomisch und gesellschaftlich abgehängt werden? Und, vielleicht noch schlimmer: Was, wenn Wien, Berlin, Paris sich eigentlich null für uns interessieren, weder kulturell noch ökonomisch, wenn wir eigentlich nichts sind als ein Absatzgebiet für den Warenexport, das nur dann gut ist, wenn es still ist...?

Dann ist es – leider – fast logisch, dass eine „Rückbesinnung“ auf die (vermeintliche) eigene Identität und die Zeit einer gefühlten nationalen Glorie stattfindet, die einem überzeugten Demokraten den Magen umdreht. Und ziemlich gefährlich für ganz Europa werden kann.

Manche Historiker erklären den Bolschewismus auch damit, dass es im Zarenreich quasi zwei Nationen gegeben hätte. Die einen wären Teil eines vormodernen Russlands gewesen, die anderen wären als Bürger der großen Zentren auf der Höhe der europäischen Zeit gewesen und der Bolschewismus sei nichts anderes als der Krieg zwischen diesen beiden Völkern gewesen. Gibt es heutzutage in Weißrussland oder anderen Regionen Osteuropas Ihrer Einschätzung nach ein ähnliches Phänomen, leben auch dort die Menschen in einem geographischen Raum aber in unterschiedlichen Welten?

Ich fürchte, mit dieser Frage machen wir ein ziemlich großes Fass auf. Ich kann für Belarus sagen: Ja, mir kam es häufig so vor, dass es ein „Land der zwei Geschwindigkeiten“ ist (um mal eine EU-Formulierung zu gebrauchen); dass Minsk und das Land, besonders im Westen, wo ich oft war, wenig miteinander zu tun haben – sprachlich, ideologisch, bildungspolitisch.

Andererseits gilt das – wenn auch seit Internetzeiten weniger stark – für Mittelwest- und Westeuropa, wo wir immer noch ein Stadt-Landgefälle beobachten können, und das nicht allein hinsichtlich der Prinzipien einer klassischen Aufklärung.

Lieber Herr von Arndt, möchten Sie am Schluss vielleicht einige Autoren aus Osteuropa oder Weißrussland empfehlen?

Ich konzentriere mich mal auf Belarus und Russland – Ost- und Mittelosteuropa sind regelrecht überbevölkert von guten Autorinnen und Autoren, ich wüsste nicht, wo anfangen und wo enden. Unbedingt empfehlen möchte ich den Roman „Die Elster auf dem Galgen“ von Alhierd Bacharevič, der für mich das Lebensgefühl der jungen Belarussen minutiös einfängt und in einer ausgezeichneten deutschen Übersetzung vorliegt; außerdem zeigt er ganz nebenbei, wie modernste Literatur „geht“ und dass Belarussisch eine wunderbare Literatursprache ist.

Wer sich für Lyrik interessiert, sollte sich mit den (auf Englisch vorliegenden) Gedichten des belarussischen PEN-Vorsitzenden Andrej Chadanovič beschäftigen. Persönlich hat mich „Der Tag des Opritschniks“ von Vladimir Sorokin beeindruckt, weil er in diesem Roman Russlands derzeitige Entwicklung hin zur reaktionären Autokratie vorwegnimmt. Und Klassiker wie „Die Reise nach Petuschki“ von Wenedikt Jerofejew oder die absurden Szenen und Geschichten von Daniil Charms kann man gar nicht oft genug lesen.

Ich bedanke mich ganz herzlich für das Gespräch.

Fragen © Joachim Mols


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