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Max Leonard – Lanterne Rouge

Der letzte Mann der Tour de France


Wenn man die heutigen, zunehmend kritischen Zuschauer fragen würde, was von der Tour de France in wenigen Jahren bleiben wird, würden wohl viele von ihnen weniger Armstrong und Konsorten als vielmehr ihre jeweiligen Apotheker, die ja zweifellos einen gut Job gemacht haben, nennen. Das ist schade, denn mit dem Stolz Frankreichs droht ein Kulturgut endgültig im Dopingsumpf zu versinken. Vielleicht wäre es gut, wenn mal jemand die Geschichte dieses herausragenden Ereignisses aus einer anderen, einer sportlichen Perspektive erzählt. Und genau das tut der Journalist Max Leonard.

Um das überzeugend zu tun, bedient sich der Brite eines Tricks. Er zäumt nämlich das Pferd regelrecht von hinten auf. Die Geschichte der Tour ist für ihn nämlich nicht die der Sieger, sondern sie ist die Geschichte der Verlierer, die doch, weil sie dieser an sich unmenschlichen Tortur getrotzt haben, Gewinner waren. Im Mittelpunkt von Leonards Erzählungen stehen die Träger der Roten Laterne. Aus diesen Leuten macht der begeisterte Hobbyradler allerdings nun keine unkritische Heldensaga. Ganz im Gegenteil: Er nähert sich ihnen und damit der Tour mit den kritischen Augen eines Historikers, der zwar meistens über eine Grundsympathie für seine jeweiligen Cäsaren verfügt, aber trotzdem doch nicht jeder Legende bedingungslos Glauben schenken kann.

Und so begegnet der Leser auf seiner Reise durch die Zeit echten Typen, die aber eben erst durch das jeweilige Zeitkolorit zu jenen Anekdoten werden konnten, die bis heute das Sprechen über die Tour ausmachen. Schon der erste Gewinner der Roten Laterne war in den Umständen seiner Epoche gefangen. Da die begleitenden Journalisten und Regelhüter nicht auf den letzten Mann warten konnten, ehe sie ihre Meldungen nach Paris schickten und sie den Führenden wieder vorausfuhren, wurde der gute Mann mal in die Tageswertung eingetragen und mal nicht. Weil Millochau zudem wohl bewusst auf das Ende im Velodrom verzichtet hatte, lag es also an Max Leonard selbst zu beweisen, dass jener Millochau tatsächlich der erste Letzte der Tour de France gewesen war.

Nicht minder spannend ist die Figur des Nordafrikaners Zaaf. Die Geschichte des Algeriers, der sich bei brütender Hitze mit zwei Flaschen Rotwein erfrischte, um dann betrunken die Orientierung zu verlieren und daher in falscher Richtung weiterzufahren, wird bis heute an den Stammtischen gerne erzählt. Nur ist sie auch glaubhaft? Kann es nicht sein, dass die fünfziger Jahre mit ihrer Politik den Journalisten die Feder führten? Die Beziehungen zwischen Frankreich und der algerischen Kolonie waren damals bekanntlich nicht die Besten…

Es sind diese kritischen Untertöne, die das Buch von Max Leonard so glaubwürdig machen. Diese Glaubwürdigkeit wird zu meiner Freude dann allerdings auch noch durch eine ganze Reihe von allgemeinen Informationen zur Tour ergänzt. Oder besser gesagt, die Rote Laterne bildet einen Ausgangspunkt, von dem man auch die jeweiligen Regeländerungen der Tour oder die bisweilen doch vorhandene Kameradschaft betrachten kann. Bergtrikot und Sprintertrikot kamen zum Beispiel nämlich nicht aus dem Nichts. Da man befürchtete, die Fahrer würden nur auf das Gesamtklassement achten und daher bei den Zwischenetappen die Beine hochlegen, musste man ein System erfinden, das bereits weit vor dem Ziel ein Spektakel garantierte.

Dank der Fülle des Materials erhält der Leser also einen Gesamteindruck von der Tour. Dank des kritischen Blicks bleibt das Buch dabei auch für den Skeptiker spannend. Da keine Heldengesänge angestimmt und auch keine abgedroschenen Geschichten aufgewärmt werden, sondern das Leiden der Domestiken wahrheitsgemäß und wenn möglich sogar aus ihrem Mund erzählt wird, beginnt man zu verstehen, was an diesem Sport der täglichen Selbstüberwindung trotz allem so faszinierend ist. Selbst wenn ich nach wie vor nicht an einen sauberen Sieger glaube, so ertappe ich mich doch beim Gedanken, nächstes Mal wieder einzuschalten. Schließlich würde ich doch zu gerne wissen, wie diesmal die Geschichte am hinteren Teil des Feldes ausgeht.

© Joachim Mols

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