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Rita König – Rot ist schön

Von der Wichtigkeit der eigenen Identität


Das Zugehörigkeitsgefühl bzw. die eigene Identität gehören zu den Dingen, die das menschliche Leben bestimmen. Man findet zahllose Beispiele in der politischen oder religiösen Geschichte. Schon die alten Griechen schufen im Wissen, dass sie keine Perser waren, ihre eigene Kultur und die Deutschen wiederum sind seit dem Mittelalter auf der Suche nach dem eigenen Ich. Allerdings sollte man das Thema nicht nur politisch verkürzt betrachten. Soziologen empfinden den Irokesenschnitt oder aber ein Kopftuch ebenfalls als Ausdruck einer Identitätssuche, an die der Betroffene dann in seiner menschlichen Schwäche voller Inbrunst glauben und der er einen für Außenstehende nicht zu fassenden tieferen Sinn verleihen kann. Ähnliches kann man übrigens auch im Fußball oder bei anderen Sportarten beobachten.

Wenn nun dieses Thema so zentral für das menschliche Sein ist, überrascht es nicht, wenn sich eine aufstrebende Schriftstellerin diesem Thema widmet. In Ihrem Roman „Rot ist schön“ tut das Rita König in einer sehr nachdenklichen Art. Ihre Protagonistin Silke verliert ihre eigene Familie, als ihre Mutter mit dem Bruder zusammen das zufällig in der ehemaligen DDR gelegene Elternhaus verlässt. In den Wirren der Wendejahre sucht sie verzweifelt und in gewisser Weise zufällig bei rothaarigen Sexualpartnern und Freundinnen Geborgenheit. (Königs Titel spielt auf die slawische Verbindung des Wortes Schön mit der Farbe Rot an. Der rote Platz in Moskau ist zunächst ein schöner Platz und hat nicht unbedingt etwas mit dem bolschewistischen Gesindel zu tun.) Zunächst scheitert dieses Verlangen, denn wie es bei zwanghaft gelebten Identitäten so ist, beruhen sie häufig auf Illusionen. Silkes Familie und Silkes Heimatland war eben nie so heil, wie sie es sich später in ihrer Verzweiflung ausmalte. Der von ihr geliebte Vater und die von ihr zwar heftig kritisierte, aber letztlich doch geliebte Mutter hatten sich ja nicht ohne Grund getrennt… Nur das will Silke eben lange nicht wahrhaben…

Die Welt, die sie nun quasi als Idealbild immer mit sich herumschleppt, war eben also vielschichtiger und es ist spannend zu lesen, wie das eingebildete Urbild nach und nach zerfällt. Oberflächliche Geister würden sich nun auf die Passagen über die DDR und das schwierige Ost-West Verhältnis beschränken und Rita König einer rein politischen Deutung unterziehen, aber das wäre falsch. In einem aktuellen Roman einer ostdeutschen Autorin kann man die Geschichte nicht verschweigen, aber das macht sie noch nicht zur Hauptsache. Ich denke der entscheidende Punkt liegt vielmehr in der Sehnsucht nach einer Familie und einer glücklichen Kindheit, die Vergangenheit ist dabei letztlich jedoch ein Irrtum. Die Suche nach dem eigenen Ich beruht auf falschen Annahmen. Und solange diese Annahmen lebendig sind, solange wird auch jede darauf beruhende Identität nicht glücklich machen. Eine Zukunft kann es unter diesen Umständen nicht geben. Verkrampfungen sind eher die Folge. Zur eigenen Schwangerschaft ist Silke folglich erst fähig, als sie bereit ist, der wahren Geschichte ins Auge zu sehen und sich von ihr zu befreien. Rita König schildert uns das Problem also ganz auf der persönlichen Ebene, aber natürlich kann es der Leser im zweiten Schluss auch politisch deuten. Hier wie dort finden wir immer wieder zwanghafte Bemühungen das eigene Ich auf einer faulen Vergangenheit zu errichten…

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© Joachim Mols


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