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Wolfgang Schlott: Moacyr Scliar "Kafkas Leoparden", Roman

Moacyr Scliar. Kafkas Leoparden. Roman. Aus dem brasilianischen Portugiesisch und mit einem Nachwort von Michael Kegler. Düsseldorf (Lilienfeld Verlag) 2013, 144 S., 18,90 EURO, ISBN 978-3-940357-33-5. (Lilienfeldiana, Bd. 18).


„Das tapfere Schneiderlein aus Porto Alegre“ – unter dieser Überschrift kommentiert Michael Kegler das Werk des 2011 verstorbene Moacyr Jaime Scliar. Als Sohn jüdischer Einwanderer aus Bessarabien 1937 in der südbrasilianischen Hafenstadt geboren, wuchs er in dem dortigen jüdischen Viertel Bom Fim auf, besuchte die Jidishe Schule und studierte Medizin. Zwei Inspirationsquellen prägten sein umfangreiches erzählerisches Werk: die Aufarbeitung der jüdischen Lebenswelt seiner Eltern und Verwandten und die linke Oppositionsbewegung, die sich in den 1960er Jahren gegen die Militärdiktatur in Brasilien formierte. Beide Quellen hinterließen in Scliars Romanen unterschiedliche Wirkungen. Während das jüdische Element zu einem unablösbaren Bestandteil seines schöpferischen Werkes wurde, führte die Auseinandersetzung mit linken Utopien zu einer ironischen Distanzierung gegenüber linken Befreiungsideologien. Und das aus einem Kafka-Fragment stammende Leoparden-Leitmotiv, mit dem der 1985 in Porto Alegre veröffentlichte Roman „A condição judaica“ eingeleitet wird? „Leoparden brechen in den Tempel ein und saufen die Opferkrüge leer; das wiederholt sich immer wieder; schließlich kann man es vorausberechnen, und es wird ein Teil der Zeremonie“ Für Scliar war es, wie Kegler notiert, „ein prophetischer Text gewesen, in dem sich künstlerisch und literarisch das ‚seinerseits herrschende Unbehagen in der Kultur (um Freud zu bemühen)’ übersetzt: eine Vorahnung des Holocausts.“ (S. 127) Und welche Funktion übernehmen die Leoparden im Werk von Scliar? Kegler verweist auf „Max und die Katzen“, einem kurzen Roman aus dem Jahr 1981, in dem der Protagonist Max gezwungen ist, mit einem Jaguar für eine Weile in einem Boot auszuhalten. Das Raubtier übernimmt dabei die symbolische Rolle der unberechenbaren Militärdiktatur. Beide Motivfelder, das Kafka-Fragment mit dem eingescannten Namen des Autors, und die damalige bedrohliche politische Lage, bilden somit den Stoff, aus dem „Kafkas Leoparden“ wurden. Die narrative Struktur des Romans setzt mit dem Bericht Nr. 125/65, aus einer Akte des DOPS, dem Geheimdienst der brasilianischen Militärdiktatur, ein: Bei einem gewissen Jaime Kantorowitsch, mit Decknamen Cantareira, habe man ein Papier mit einer geheimen Botschaft gefunden, die die Unterschrift eines gewissen Franz Kafka trägt. Hier schaltet sich der Erzähler ein, der dem Leser mitteilt, dass dieser Kantorowitsch, Jossi genannt, sein Cousin gewesen sei. Er habe in Tschernowitzky eine kommunistische Zelle gegründet, war von Marx’ und Trotzkis Ideen erfüllt, hatte sich sogar mit Leo Trotzki getroffen, der ihn in einem geheimen Auftrag nach Prag schicken wollte. Leider sei er zwei Tage nach seiner Rückkehr nach Tschernowitzky gestorben. Auf dem Totenbett habe er seinem Cousin Jaime Kantorowitsch, genannt Ratinho, das Schneiderlein, den Auftrag erteilt, an seiner Stelle, ausgestattet mit den Papieren von Jossi, nach Prag zu reisen. Ratinho, der zum ersten Mal in seinem Leben eine Reise unternimmt, erreicht unter schwierigen Umständen Prag, quartiert sich in dem vorgesehenen Hotel ein, und stellt mit Schrecken fest, dass er seine Tasche mit den wichtigen Unterlagen im Zug liegen gelassen hat. Auf der Suche nach dem Kontaktmann, den er unter jüdischen Schriftstellern zu finden versucht, stößt er mithilfe eines Gemeindedieners in einer Synagoge auf den Namen Franz Kafka. Er ruft ihn an und stammelt auf jiddisch „Ich bin beauftragt, den Text abzuholen.“ Aufgrund eines Missverständnisses hält ihn Kafka für einen Beauftragten einer jiddischen Zeitschrift, der er einen Text versprochen hatte. Tatsächlich wird Ratinho am nächsten Tag in einem Briefkuvert diesen Text im Hotel vorfinden. Er lässt ihn sich von dem Gemeindediener ins Jiddische übersetzen. Und nun beginnt das Rätselraten um die Botschaft des Textes, in dem die Leoparden nach Ansicht von Ratinho die symbolische Funktion der räuberischen Kapitalisten übernehmen. Oder etwa nicht? Seine Suche nach der Auflösung des rätselhaften Sinns führt ihn wieder zu Franz Kafka, den er tatsächlich in seiner Wohnung antrifft. Und jetzt beginnt ein skurril anmutendes Gespräch, in dem Ratinho, oder auch Benjamin, wie ihn der Erzähler dann und wann nennt, Franz Kafka für einen Anhänger Leo Trotzkis hält. Eine irrige Annahme, die den Anlass für den Abbruch der Unterhaltung bildet. Und wie weiter? Nach seiner Rückkehr erzählt er Jaime Kantorowitsch von seinen Erlebnissen in Prag, vertraut ihm seine kommunistischen Überzeugungen und seine tiefe Liebe zu dem Werk von Kafka an, beeinflusst ihn so sehr, dass er 1964 in Porto Alegre, als der Militärputsch ausbrach, dass er in den studentischen Untergrund ging und verhaftet wurde. Und Rarinho, sein Onkel, ein berühmt gewordener Schneider rettet ihn. Mehr darf nicht verraten werden. Dieser kunstvoll verwobene Plot, in dem die jiddische Erzählwelt Osteuropas, inspiriert von utopistischen kommunistischen Ideen mit der brachialen brasilianischen Realität der 1960er bis 1980er Jahre konfrontiert wird, und der in der finalen Traumpassage kulminiert, gehört zu den Perlen einer Kafka-Rezeption, von der auch Michael Maars glanzvoller Essayband „Leoparden im Tempel“ (Berenberg Verlag 2007) berührt wurde. Der dort Franz Kafka gewidmete Essay „Opferkrüge für die Leoparden“ kreist ebenfalls um ein Geheimnis, für dessen Deutung Michael Maar immer neue diskursive Anläufe nimmt, ohne eine Antwort zu erhalten, so wie Moacyr Scliar, wo wie Norika Nienstedt mit ihrer rätselhaften Zeichnung auf dem Titelumschlag des in einem lilafarbigen Ton gestalteten Bandes. Sie hat die Stirn Kafkas mit einem Abdruck eines Leopardenfells versehen, um die mit Geheimnissen beladene Zwittergestalt eines überzeitlichen Schriftstellers mit einer doppelten Signatur zu versehen: animal und homo litteratus obscurus. Wer könnte sich da, aufgeladen mit spannungsgeladener Ungewissheit, einer Lektüre entziehen?

Wolfgang Schlott

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